Kanadische Tar Sands? Was haben die mit uns zu tun?

Aus Tar Sands-Kampagne
Wechseln zu: Navigation, Suche

Exporte nach Europa

Der kanadische Export des Tar Sand-Rohöls zu Raffinerien in Europa ist in den letzten Jahren aufgrund der Politik der EU-Kommission und dem damit einhergehenden Versuch sich unabhängiger von den russischen Ölimporten zu machen stetig gewachsen. Mit den geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre sind die Beziehungen zu Russland schlechter geworden und durch Wirtschaftssanktionen, den Krieg in Syrien und den Ukraine-Konflikt stark belastet. Deshalb ist der Bedarf in der Europäischen Union an anderen Ölquellen stark gestiegen. Dadurch sind die europäische Politik und Wirtschaft mitverantwortlich für die kontinuierliche Naturzerstörung in Nordamerika und die damit einhergehende Unterstützung des größten Einzelverursachers des Klimawandels.

Die Zahlen der US Energy Information Administration (EIA) zeigen, dass die Verschiffung von Rohöl in den ersten neun Monaten 2015 um 73 % gestiegen ist.[1] Während die EIA keine genaue Aufschlüsselung der verschiedenen Rohöltypen angibt, sagen Analyst*innen, dass diese Transporte sehr wahrscheinlich einen hohen Anteil der Tar Sand-Öle beinhalten. „Fast jedes Rohöl was aus den USA über Kanada exportiert wird, ist höchst wahrscheinlich ursprünglich von den Tar Sands,“ meint Shelley Kath, eine unabhängige Analystin des National Resource Defence Council (NRDC) in den USA. „Das ist eine sehr sichere Annahme, weil es sich um den größten Produktionsort handelt und es genau der Rohöltyp ist, der Probleme hat (andere) Märkte zu finden.“

Theoretisch hindern Gesetze die USA am Export ihres Rohöls nach Europa, aber um das zu umgehen wird das kanadische Tar Sand-Öl seit 2014 einfach direkt von Kanada exportiert, unter anderen an Länder wie Italien, Spanien und die Niederlande. Der NRCD erwartete schon 2014, dass die Tar Sand-Importe nach Europa von 4.000 Barrel pro Tag (BpT) auf 700.000 BpT steigen könnten, wenn die EU nicht eingreift. Diese Steigerung der Rohölimporte ab 2014 geschah nicht zufällig. Im Zusammenhang mit den CETA-Verhandlungen hat die EU-Kommission auf kanadischen Druck hin beschlossen, die Tar Sands-Importe nicht entsprechend ihrer hohen Treibhausgasintensität zu reglementieren. Daraufhin haben nun die Transporte des Rohöls nach Europa zugenommen. Das hat wiederum den Ausbau der Transportinfrastruktur wie Pipelines in Kanada zur Folge und ist für die dortige Natur inklusive der Menschen gefährlich.

Laut einem Bericht des Beratungsunternehmens Mathpro wurden bereits über zwei Drittel der Ölraffinerien in Europa aufgerüstet, um das Rohöl der Tar Sands verarbeiten zu können.[1] Konkret bedeutet das, dass 71 der 95 europäischen Raffinerien inzwischen schweres oder bearbeitetes Rohöl weiter verarbeiten können, was ein Anzeichen dafür ist, dass die europäische Industrie einen bevorstehenden Wandel an Rohölimporten erwartet.

Eine weitere Studie der NRDC prognostiziert, dass bis 2020 zwischen 5,3 % und 6,7 % des europäischen Rohöls sowie Transportkraftstoffe aus Nordamerika kommen werden. Diese Zahl ist 30 Mal höher als die von der EU erwartete, als sie ihre Versuche aufgab, die Ölkonzerne für ihre Treibhausgasemissionen verantwortlich zu machen.[2]

Ein weiteres Beispiel für den steigenden Export dreckiger Energieträger nach Europa ist Fracking. Durch den amerikanischen Fracking-Boom ist der US-amerikanische Gasmarkt inzwischen so übersättigt, dass die Preise dort sinken und nur noch ein Drittel des europäischen Wertes haben. Dieses Überangebot in den Vereinigten Staaten und die Nachfrage in Europa wiederum haben zur Folge, dass wie auch bei den Tar Sands weitere riskante Pipelines gebaut werden, die Mensch und Natur gefährden, und nur der Gewinnmaximierung der großen Konzerne dienen.

Bereits im Winter 2016/2017 werden die ersten Tanker mit verflüssigten Frackinggas aus Louisiana nach Europa starten. Außerdem gaben beide, das amerikanische Energieministerium und die kanadische Regierung, einer Firma in Nova Scotia an der Ostküste Kanadas die Lizenz Gas aus den USA zu importieren. Das ist nur eines vieler solcher geplanter Projekte.[3]

Aktivitäten kanadischer Tar Sands-Konzerne in Europa

Der kanadische Energiekonzern Enbridge Inc. hat beispielsweise die Auktion um eine Beteiligung an dem Offshore-Windpark "Hohe See"[4] des Konzerns EnBW gewonnen, einer der größten europäischen Offshore-Windkraftanlagen. Nach Fertigstellung soll "Hohe See" ca. 2 Milliarden Euro kosten und genug Energie für 560.000 Haushalte produzieren. Das stärkt Enbriges Einfluss auf die boomende europäische Offshore-Industrie, denn der Konzern besitzt bereits 24,9 % Anteile an E.ONs "Rampion"-Projekt[5] sowie an einer strategischen Partnerschaft mit der französischen EDF. Europas Energieversorger sind abhängig von externen Geldern für ihre Offshore-Anlagen, da sie meist mehr als 1 Milliarde Euro pro Projekt investieren müssen. Dieser Bedarf wird dann mithilfe auswärtiger Investoren und eigene Pensionsfonds gedeckt.[6]

Auf diese Weise versucht Enbridge Inc. einerseits sein Geschäft ab 2019 weniger abhängig von der Tar Sands-Branche zu machen und andererseits wird durch solche Investitionen das Monopol der großen Energiekonzerne gestärkt, welche den Ausbau dezentraler, regenerativer Energieversorgung in Bürgerhand verhindert. Enbridges Präsident Monaco meint, dass einige große Ölkonzerne in den kommenden Jahren weiter in neue Tar Sands-Projekte investieren würden, gleichzeitig geht Monaco aber auch davon aus, dass sich viele Energieproduzenten zu flexibleren und weniger teuren Projekten hinwenden würden, da die Ausbeutung der Tar Sands ein sehr teures Verfahren und bei den derzeit niedrigen Ölpreisen im Vergleich zur normalen Ölgewinnung viel weniger gewinnbringend sei. So sei gerade ein guter Zeitpunkt, um in Wind- und Solarprojekte in Alberta zu investieren, besonders nachdem die dortige Regierung eine neuen Klimawandelstrategie angekündigt hätte, welche eine Steuer auf Treibhausgasemissionen umfasse und erneuerbare Energien unterstütze. Monaco hatte außerdem angekündigt, dass 750 Millionen Kanadische Dollar in den "Rampion"-Offshore-Windpark investiert würde. Gleichzeitig setzt der Konzern den umweltgefährdenden Ausbau von Pipelines fort, um die Tar Sands-Abbaugebiete an die US-amerikanischen Raffinerien zu anzubinden.[7]

Weitere große Konzerne im Tar Sands-Geschäft sind beispielsweise BP Royal Dutch Shell und ExxonMobil. Der europäische Lobbyverband der hier weiterverarbeitenden Raffinerien ist FuelsEurope.[8]